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Sascha Lobo im Kopf


Gerade gestern habe ich die ersten kabellosen In-Ear Buds meines Lebens ausgepackt und in Betrieb genommen. Und ich muss sagen, das ist schon was anderes als herkömmliche Kopfhörer. Keine Kabel mehr, auf die man achten muss, einfaches Switchen zwischen Handy und PC als Bluetooth-Quelle, außerdem zugleich Headset, und von der natürlichen Umgebung bekommt man, wenn man die Lautstärke nicht übertreibt, auch noch genügend mit. Ich hatte gerade schon überlegt, ob ich darüber etwas "philosophieren" sollte - und da kommt nun der Sascha Lobo mit diesem Artikel daher. Nix für Technikfeinde. Aber am Ende möglicherweise visionärer, als viele heute ahnen.
Medien (x) Technik (x)
Jost Schwider doesn't like this.
Ich wundere mich ehrlich gesagt. Das soll jetzt nicht überheblich wirken, aber die wunderbare Wirkung von Kopfhörern habe ich Mitte der 90er erfahren, als Teenager. Ich habe meine Osterferien in einer Baumschule verbracht um mir Geld für einen megafortschrittlichen Walkman zu verdienen. Aiwa, glaube ich, aber Sony hatte ich später auch. Ich glaube, im Alter von 14 bis 19 Jahren habe ich praktisch nie das Haus ohne so ein Gerät verlassen. Später dann kurz Minidisc und danach für viele Jahre Festplatte/CF-Karte in einem iriver H120.

Musik musste immer da sein. Auf dem Fahrrad (ja, ne, würde ich heute nicht mehr machen), in der Bahn, in der Schule, in der Kirche (so lange ich da noch hin musste). In-Ears waren eine akustische Erleuchtung, fast mehr noch als der Umstieg von Kassette. Und, genau so wichtig, brachten die auch eine deutlich verbesserte Isolierung vom Außenschall. Denn um Ab- und Ausgrenzung ging es ja immer. Würde ich heute mit der Bahn pendeln, ich hätte wahrscheinlich jetzt immer die großen, geschlossenen Kopfhörer drauf. Damit wäre man früher mehr aufgefallen als heute, so Leute gab es aber auch vor 20 Jahren schon.

Die Szene mit den Leuten, die nur einseitig Kopfhörer tragen, gab es doch früher auch schon. Ich erinnere mich an einen Wandertag in der siebten Klasse, oder so, wo wir einfach nur für ein paar Stunden auf einem Deich langgelaufen sind. Von der einen Seite die Lebensgeschichte eines Freundes, der in der Gegend groß geworden ist, von der anderen Seite Genesis, The Way We Walk Live (The Shorts).

Das wurde jetzt alles neu erfunden?

Kopfhörer hab ich auch schon immer besessen, auch hochwertige Hifi-Kopfhörer. Und einfache Headsets zum Skypen, aber normal, mit Bügel und Audiokabel und angedeutetem Mikro. Aber diese Knöpfe im Ohr können das ja auch alles längst. Eben weil es nicht nur Kopfhörer sind, sondern weil sie auch Headsets sind. Das befähigt sie aber in Verbindung mit einem Smartphone nicht nur zur Sprachkommunikation, sondern auch zur Sprachsteuerung. Worauf Lobo hinaus will, ist, dass wir künftig wahrscheinlich viel öfters das Handy in der Tasche lassen und stattdessen Menschen begegnen, die laut in die U-Bahn rufen: "Siri, gib mir mal meine heutigen Termine durch" oder "OK Google, ich möchte von hier zum Hauptbahnhof laufen. Führe mich akkustisch", oder "Alexa - bitte übersetz mir das was du gleich von meinem Gegenüber hörst von Französisch nach Deutsch". Kurzum - es werden Babelfishe :-)

Der Sascha übertreibt mal wieder, wie er immer übertreibt, wenn es um unwichtige Dinge geht. Aber auch ich bin sehr zufrieden mit kabellosen Ohrhörern. Das ist wirklich eine Befreiung, die sich anfühlt wie der erste Discman.

Dass die Menschen jetzt in der Öffentlichkeit anfangen, mit ihren Geräten zu sprechen, glaube ich gerade nicht. Aber ich bin vielleicht auch schon ein old fart, was das angeht. Vielleicht tun das die Leute schon und ich kriege das gar nicht mit?

Für mich ist es auch "kulturell fremd". Aber es gibt ja schon genügen Leute, die alleine unterwegs sind und sich trotzdem gerade angeregt unterhalten - dank dem Knopf im Ohr. Was noch dazu kommen wird, ist die intelligente Sprachsteuerung auf diesem Wege. Was Lobo meint, ist, dass die Wischerei auf dem Smartphone-Screen irgendwann in näherer Zukunft vielleicht schon so "out" sein könnte wie heute das Entfächern eines Falk-Stadtplans. Einfach weil es mit Attributen wie "handsfree" und und "open minded" besetzt ist. Also wieder weg von den leidigen Displays und weltwahrnehmend. Dabei aber trotzdem ständig online, ständig communicated, aber halt alles akustisch, per Sprachsteuerung, mit nichts weiter als den Knöpfen im Ohr und dem Smartphone gut versteckt in der Tasche.

Ich probiere diese Sprachsteuerung immer mal wieder aus. Aber es fühlt sich jedes Mal falsch an - auch wenn das klappt, was ich eigentlich machen möchte. Wenn ich im Wald bin und niemand hört mir zu, fällt es noch leicht, den Einkaufszettel per Diktat aufschreiben zu lassen (und es ist angenehmer, als ihn per Minitastatur zu tippen). Aber wenn ich in der Stadt bin oder bei der Arbeit, will ich einfach ruhig sein. Ich will nicht jedem um mich herum erzählen, dass ich noch Kondome einkaufen muss - und ich bin mir sicher, die andere wollen das auch nicht wissen. Warum also denkt alle Welt, dass das die Zukunft ist, dass ich "Kondome" nicht mehr eintippe, sondern laut in die Welt rufe?