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Warum sind eigentlich Kohlearbeitsplätze so viel mehr wert als andere?

Ich denke, alle, die sich mit dem Thema Klimaschutz befassen, kennen das ewige Lamento der Braunkohlelobby. Die armen Kumpel, ihre Familien und die ganze Gegend, wo es doch sonst nichts gibt! Ja genau, natürlich gibts da sonst nichts. Was sollte es in so einem verseuchten Gebiet auch anderes geben? Keine Landwirtschaft ist da möglich, und selbst die ärmste räumlich unabhängige IT-Startup-Klitsche kann sich nicht für den preiswerten Wohn- und Arbeitsraum in solchen Gegenden begeistern. Und im TV werden dann Kerle mit rußverschmierten Gesichtern gezeigt, die vielleicht 35 sind, und doch noch ihr ganzes Leben vor sich haben, und das Haus, und der Kredit und das alles. Wahnsinn, und das alles wollen diese bösen Klimahysteriker zerstören.

Es macht mich wütend. Diese 35jährigen wussten bei ihrer Berufswahl längst, dass sie damit auf eine Karte setzen, die wahrscheinlich nicht mehr lebenslang tragen wird. Dass es jetzt oder demnächst schon passiert und nicht erst rechtzeitig zur Rente - nun ja. Es war gewarnt worden. Außerdem wird immer so getan, als ob ein in die Arbeitslosigkeit gefallener Kohlekumpel so ziemlich die bemitleidenswerteste Kreatur auf Erden ist, viel bemitleidenswerter als die fünf mal so hohe Anzahl dürrer, blasser Hipsterbärte, die nie am geheimen Lagerfeuer auf das Hakenkreuz geschworen haben, und die mit ihren Solar- und Windenergie-Startups baden gingen und ebenfalls ihre Hauskredite nicht mehr zahlen können.

Ja, OK, der Mythos Kohle. Es war schon toll, als es Anfang des 20. Jahrhunderts gelang, in den Etagenwohnungen der Städte die Winterkälte durch Öfen mit Kohlebriketts zu vertreiben. Das muss unbeschreiblich gewesen sein - für uns Heutige. Mutter, der Mann mit dem Koks ist da!

Aber die Zeiten, sie ändern sich. Das war vor hundert Jahren. Auch rückwärts gewandte Geister sollten akzeptieren, dass die Zeit nicht stehen bleibt, die Probleme der Welt sich ändern und Dinge, die irgendwann mal vergöttert wurden, irgendwann auch mal verteufelt werden. So viele Kohlekumpel gibt es gar nicht, als dass die Finanzierung von deren Umschulung oder Frührente nicht bezahlbar wäre. Es wäre aber auch schön, wenn, nachdem die Wende im Regierungskopf erst mal vollzogen ist, auch die bisherigen Opfer der Solar- und Windenergie-Branche genauso entschädigt würden. Auch dafür sollte das Geld reichen.

Gesellschaft (x) Politik (x)
™🐢 mastodon (AP)
@stefan Weniger als 20.000 Menschen arbeiten noch in der Braunkohle.

Als für ~25.000 'Schleckerfrauen' Schicht war verweigerte die FDP die Millionen für eine Transfergesellschaft (nicht Millarden, wie jetzt für die 'Kumpels') mit dem Hinweis, der Wettbewerb brächte es eben mit sich, dass Firmen scheiterten.

Die sollten sich halt selbst um ihre 'Anschlussverwertung' kümmern - mir klingen heute noch die Ohren.

Tja, Frauenarbeitsplätze, das ist was anderes. Oder so.
dradmin mastodon (AP)
@imageschaden @stefan der Unterschied zwischen einer Verkäuferin und einem Kumpel ist so offensichtlich, dass man nun wirklich ein Idiot sein muss um die Gründe nicht zu verstehen.

Den Job an der Kasse können und wollen Millionen machen. Aber keine einzige Schlekerfrau würde in das Drecksloch klettern anstelle von einem Kumpel.

Es geht auch eine Menge Know-how verloren, falls die Kumpels weg sein sollten.
Naja, erstens scheint es ja nie Nachwuchsprobleme bei den Kumpel gegeben zu haben, also offenbar schon genügend Willige. Und zweitens gibt es auch andere Jobs, die anstrengend und gefährlich sind und nicht gerade zu den begehrtesten gehören.
Und Know How bei Tiefbau und Bohrung wird ja durchaus auch woanders noch benötigt, etwa im Tunnelbau, und leider auch noch beim Abbau von Metallen.
dradmin mastodon (AP)
@stefan Für mich gibt es eine einzige Erklärung - Kohle ist eine strategische Energiereserve. Diese soll man jederzeit hochfahren können. Ansonsten wird jemand von außen seinen Willen deinem Land aufzwingen können.

Ich komme ursprünglich „von der anderen Seite“, für mich klingt das logisch.
Onno Tasler friendica (AP)
@™🐢 @Stefan Münz Der Unterschied ist halt: Die 25.000 Schleckerfrauen waren weit verteilt, in jeder Fiale waren es 4 oder 5. Das lässt sich notfalls vor Ort auffangen. Wenn die Kohle wegbricht, fallen in ohnehin bereits strukturschwachen Gebieten auf einen Schlag 5000 Arbeitsplätze weg. Mit dem größten Arbeitgeber fällt außerdem noch der größte Gewerbesteuerzahler weg. Das heißt: Die betroffenen Kommunen verlieren von jetzt auf gleich einen Großteil ihrer Einnahmen, nämlich aus Gewerbe- und aus Lohnsteuer, während ihre Sozialausgaben gleichzeitig massiv ansteigen. Dazu kommt: Das Know-How der Bergarbeiter wird nach dem Ende der Kohle nicht mehr gebraucht, während es für Verkäuferinnen jede Menge alternativer Arbeitgeber gibt. Und zu guter Letzt: Um überhaupt eine neue Stelle bekommen zu können, müssen die ehemaligen Kumpel umziehen, weil es bei ihnen zuhause halt nichts gibt - zusätzlich zur Umschulung. Auch hier der Unterschied zu den Schleckerfrauen, die häufig eine vergleichbare Stelle innerhalb zumutbarer Pendelzeiten fanden. (Das gleiche gilt übrigens auch für die Hipster, die mit erneuerbaren Energien pleitegingen - einmal davon abgesehen, dass es sich dabei größtenteils nicht um Arbeitnehmer dieser Firmen handelte sondern um Investoren.)
Ja vor allem wussten die Konzerne auch, dass es nicht so ewig weitergehen wird.
Die Opel oder Nokia Arbeiter sind auch alle arbeitslos geworden.

Und mal ganz davon abgesehen, dass wir auch noch Ewigkeitskosten haben für die Pumpen in sth Schächten
seraphyn Friendica (AP)
@Stefan Münz Danke. Gut geschrieben.
Entbehrt auch jeder Diskussion, teile Deine Meinung.
Gustav Wall friendica (AP)
@Stefan Münz , ich kann deine Wut verstehen. Was mir dazu einfällt - die Beschäftigungs- und Soziales - das ist Politik. Ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was die Politik so macht. Meine Wut legt sich ganz schnell, wenn ich überlege: "Gut, die da in der Politik wissen es nicht besser - du hast freie Hand und darfst mitmachen :-)".

Diese Rettungsmilliarden , die - nehme ich mal an - sind einerseits ein Zugeständnis an die Kumpel und ein Versuch, die Wahlergebnisse zu beeinflussen. Aber auch ein Zugeständnis an Großkapital und an die Aktionäre. Die Kumpel sind vlt. nur eine willkommene medienwirksame Gelegenheit von den Hinterzimmer-Abmachungen abzulenken.
Die Milliarden, die da zum Auffangen verwendet werden sollen, ärgern mich eigentlich nur, weil es ungerecht ist gegenüber Menschen in anderen Berufssparten, die ein ähnliches Schicksal erleiden, aber einfach beim Arbeitsamt landen. Und wenn, dann wären die Milliarden nur dann sinnvoll eingesetzt, wenn man so schnell wie möglich alles was mit Kohleabbau und Kohleverbrennung zu tun hat runterfährt, abschaltet, und wer sich dann nicht mehr umschulen lassen will, dem soll es meinetwegen so gut gehen wie einem vorzeitig arbeitsunfähig gewordenem Beamten.
Was stattdessen aber aufhören muss ist der ganze immer noch betriebene Kult um Kohle, Kumpel und Revier, so als sei das alles eine Art indigene Kultur innerhalb der normalen bürgerlichen Welt, die Anrecht auf besonderen Schutz habe und dauerhaft ihre rußigen Reservate brauche. Vielmehr sollte sich umgekehrt der Rest der Wirtschaft die "Tugenden" der Kumpel zueigen machen: Füreinander statt Gegeneinander, Kooperation statt Konkurrenz, Einsatzbereitschaft statt betriebsamer Irrlichterei.
Gustav Wall friendica (AP)
Du, @Stefan Münz wenn du jetzt die von den Politikern getroffene Entscheidung und den "Kult um Kohle, Kumpel und Revier" kritisierst, was haben die "Menschen in anderen Berufssparten" davon?

Du hast bestimmt auch konkrete Vorstellungen, wie dieses Programm
Vielmehr sollte sich umgekehrt der Rest der Wirtschaft die "Tugenden" der Kumpel zueigen machen: Füreinander statt Gegeneinander, Kooperation statt Konkurrenz, Einsatzbereitschaft statt betriebsamer Irrlichterei.
im konkreten politischen Handeln, in der Gestzgebung abzubilden ist, damit dies keine Pflichtübungen, keine Sonntagsreden und keine betriebsamer Irrlichterei bleiben.

Wann dem so ist, dann können du und die Gemeinschaft davon nur profitierten, wenn du bei der nächsten Bundestagswahl dies in dein eigenes Wahlprogramm schreibst und kandiderst oder sorgst dafür, dass der/ die Kandidat*in deines Vertrauens zur Kenntnis nimmt, dass der Wähler Stefan Münz diese bestimmte Erwartungen, konkrete Vorstellungen hat, was die Bundespolitik in der nächsten Legislaturperiode zu tun hat. Vlt. triffst du auf ein offenes Ohr und der/die Favoritin übernimmt deine Vorschläge in das Wahlprogramm. Mit ein wenig Glück sitzt die/der Favorit dann im Bundestag und arbeitet daran das Wahlprogramm zu realisieren :-).
Leider glaube ich das Märchen vom Bundestag nicht mehr. Das ist 20th Century. Wir brauchen neuere Formen von Bürgerbeteiligung, die 1. Lobbyisten-Einfluss verhindern und 2. als notwendig erkannte Reformen schneller realisierbar machen. So was wie Bürgerbüros, wo man jederzeit hingehen kann, um zu Themen zu votieren, die einen interessieren und wo man sich kompetent fühlt, und wo man auch Vorschläge zu votierbaren Optionen einreichen kann - wahlweise zu Themen auf kommunaler, föderaler, nationaler oder Staatenverbunds-Ebene. Wobei man eigene Votierungen auch ändern oder zurückziehen kann. Ich sage bewusst Bürgerbüros und nicht internet-basiertes Wählen. Alles so, dass nur Wahlberechtigte laut Wahlregister persönlich und geheim votieren können. Jedenfalls eine Lösung, die dem 21.Jh. und seinen Anforderungen an politisches Handeln gerechter werden als dieser Karrieristen- und Hinterzimmernasenverein.
Gustav Wall friendica (AP)
@Stefan Münz also wie wissen beide, dass dies alles keinesfalls auf Mausklick passieren kann und eine langwierige langweilige Basisarbeit erfordert. Politik halt, wo gefühlt 80% Aufwand für Formalitäten betrieben wird. Aber wir haben halt nur dieses System. Und man kann auch versuchen politisch anstreben, dass bspw. das schweizerische Modell eingeführt wird. Nur - wenn keine*r sich findet, der/die versucht die Visionen zu verwirklichen, dann ist die Wahrscheinlichkeit auch gering dass die Veränderungen kommen - meine Meinung.
Ja, stimmt, die Visionen fehlen. Vielleicht schreibe ich mal irgendwann noch grob zusammen, was ich mir in etwa vorstelle. Ein System, das Entscheidungsfindung für Regelungen oder Gesetzesvorhaben über ein flexibles Delegiertensystem in Verbindung mit Wahlzeiträumen und sichtbaren Zwischenergebnissen ermöglicht (direkte Demokratie, aber was völlig anderes als diese Volksabstimmungen, die auch ins letzte Jh. gehören). Und ein System, das auch Initiativen, sei es für oder gegen irgendetwas, direkt aus der Bürgerschaft heraus ermöglicht (komplexer, aber auch politisch wirksamer als das aktuelle Petitionsrecht).